Überwachung. Warum so unkritisch?
Überwachung. Warum immer so unkritisch?
Dass es Videoüberwachung gibt, soll kein Gegenstand folgender Überlegungen sein. Denn ändern wird dies keiner mehr. Es wird eher noch wachsen, wachsen, wachsen.
Vielmehr drängt sich immer mehr die Frage auf, warum die meisten Menschen Überwachung als etwas vollkommen Normales wahrnehmen. Also nicht mehr wahrnehmen. So wie wir einen neu gepflanzten Baum wahrnehmen, ihn bald vergessen und uns erst wieder an ihn erinnern, wenn er abgesägt wird. Und überhaupt: Warum sehen viele beispielsweise in einer Kamera etwas Gutes? Warum glauben sie, unter ihrem wachsamen Auge sicher zu sein? Und sicher vor Was oder Wem?
Am 10.01.2007 war Folgendes in der Süddeutschen Zeitung zu lesen: „Sie haben sich geirrt, Herr Orwell. Wie sich die Zeiten ändern: Früher gingen die Menschen auf die Straße, um gegen Volkszählungen zu demonstrieren. Heute lassen sie sich bereitwillig vom Staat überwachen.“
Überwachung scheint also nicht nur ein probates Mittel im Kampf gegen alles Böse, sondern auf bizarre Weise en vouge zu sein. Eine Videokamera stiftet beispielsweise Sicherheit, flächendeckende Videoüberwachung wird von vielen Menschen als Schutz betrachtet. Aber wovor will man sich eigentlich schützen, wenn man in einem der sichersten Länder der Welt lebt?
Vor Kriminalität? Die ist laut der aktuellsten Kriminalitätsstatistik auf den bisher niedrigsten Stand gesunken.
Vor Terrorismus? Seit sich die westliche Welt im Kampf gegen den Terror befindet, gab es in Deutschland keine 5 vereitelten Straftaten. Und wenn doch, dann wurden sie nicht kommuniziert, oder derart aufgebauscht, weil mal wieder ein neues Sicherheitsgesetz durchgebracht werden sollte. Aber trotzdem ist eine Formulierung in jeder Meldung zu einem dramatischen Ereignis Standard geworden: „Die Ermittler schließen einen Terrorakt aus.“ Oder nicht aus, oder vielleicht doch. Es besteht jedenfalls die Möglichkeit, aber das schon seit Jahrzehnten.
Warum ist das so? Die Verantwortlichen selbst sind ängstlich geworden. Das ist das Problem. Sie haben Angst vor dem Tag, an dem etwas Ähnliches geschehen könnte wie am 11.09.2001. Sie haben Angst, etwas nicht zu wissen, von etwas nichts gewusst zu haben. Sie wollen alles Mögliche getan haben, um keine Verantwortung für mögliche Todesfälle übernehmen zu müssen, dabei liegt diese Verantwortung ganz woanders. Das Ergebnis ist wuchernde Überwachung, egal wohin das Auge blickt. Das Ergebnis ist die ab 2007 gültige Vorratsspeicherung aller unserer Daten, egal ob Telefon, Mail oder Internet. Das Ergebnis ist der biometrische Pass, bald auch mit Fingerabdruck (ab Nov. 2007). Was für ein Generalverdacht, was für eine Verleumdung der Unschuldsvermutung, was für ein berstendes Brechen des Grundgesetzes, was für eine Entmündigung der Bürger.
Deshalb legen Politiker, allen voran die Innenpolitiker, die Kriminalitätsstatistiken nach dem Motto: „Es wird immer schlimmer“ aus. Das Ergebnis ist Angst. Gewollte Angst, für die Legitimierung all dieser wunderbaren Sicherheitsgesetze. Und der Bürger macht es sich bequem in seiner Angst. Das nächste Happening wird der Abschuss eines Passagierflugzeuges sein, bevor es in den Frankfurter Messeturm fliegt oder den Berliner Fernsehturm. Das ist austauschbar, aber die Menschen nicht.
Und überhaupt der Mensch. Er sehnt sich nach Sicherheit. Nach Ruhe und Beschaulichkeit. Nach Nestwärme in rauen Zeiten des neoliberalen Kapitalismus. Nach innerer Sicherheit, weil die soziale Sicherheit nichts mehr Wert ist. Denn noch viel schlimmer als die Bedrohung durch Terroristen ist die Bedrohung vor dem sozialen Fall.
Es gibt sogar Menschen, die sehen einen Zusammenhang zwischen Hartz IV und diesem Gefühl des Bedrohtseins. Das führt dazu, dass es ein Verlangen nach sauberen Räumen gibt. Zu Stätten absoluter Einsehbarkeit durch Kameras. Jede Form von Devianz soll verhindert werden. Das aktive Auftauchen des Unterschichtenproblems, das sich darin äußert, keinen Job zu haben, keine Reputation in der Gesellschaft zu besitzen, einen Haufen Kinder mit schlecht sitzenden Sachen, ungepflegt zu sein. Einen Hartz IV Empfänger erkennt man an seiner gebückten Haltung. Die Angst der Oberschicht lastet auf seinen Schultern, Angst, die sich in Arroganz ausdrückt. Wobei Oberschicht hier nur meint, dass selbige Arbeit haben (auch wenn es nur ein Praktikum ist).
Ich erkenne einen Hartz IVer, weil ich mich selbst sehe. (Das ist Polemik? Ja! Und?)
Und was hat das mit dem Thema Videoüberwachung zu tun? Armut passt nicht ins Bild eines Raumes. Sie berührt peinlich, man will sie nicht sehen. Auch deshalb akzeptieren wir Überwachungskameras. Denn die sollen nicht hauptsächlich vor Kriminalität schützen, sie sollen den Raum und die Menschen darin überwachen, sie sollen für Segregation, Ausgrenzung, Disziplinierung und Konformität sorgen. Das ist der erwünschte Effekt einer Kamera. Vermeidung unerwünschter Situationen. Hervorgerufen durch offensichtliche Armut, Obdachlose, Drogensüchtige, Ausländer - in genau der Reihenfolge. Diesen Menschen wohnt gewollt oder ungewollt Gefährlichkeit inne und wo gefährliche Menschen sind, entstehen auch gefährliche Räume und die müssen überwacht werden, damit das Kind in sauberer Umgebung spielen kann. Frei von Einflüssen urbaner Stadtkultur, frei von natürlichen Abwehrkräften.
Das Resultat ist Rückzug. Wir verstehen uns nicht mehr als Teil einer Gesellschaft, die ihre Konflikte offensiv auszutragen im Stande ist. Jeder kämpft für sich allein, die reale Welt ist ein unwirtlicher Ort geworden, ein Platz, der es offensichtlich nicht wert ist, belebt zu werden. Abschottung, überall Abschottung. Sofortiges, genervtes Reagieren auf das vermeintlich störende Verhalten seiner Mitmenschen. Betonung der Punitivität. Flucht in die saubere, störungsfreie Virtualität. Ins sagenumwobene Web 2.0, wo sich schon die großen Konzerne für den nächsten Kauf eines sozialen Netzwerkes rüsten. Die Holzbrinck Verlagsgemeinschaft hat sich nicht nur eine studentische Community gekauft. Er hat auch eine Million neuer Konsumenten gekauft. Mit Kontaktdaten, Interessen und politischen Einstellungen. Man stelle sich diese Überwachungsmöglichkeiten vor. Da kommt keine Kamera mit.
06. Februar 2007, Thomas Bunk, 7. Semster Dokumentation
Bildnachweis: Bei dem hier gezeigten Bild handelt es sich um eine Arbeit des Street Art Künstlers Bansky. Nähers zu ihm unter http://www.banksy.co.uk/outdoors/index.html
Letzte Änderung: 23.03.2007
