sechste Kolumne zur Ethikreihe
Visionen gegen den Untergang
Am 19.10.05 fand er also statt: Der Abschluss und gleichzeitige Höhepunkt der Ringvorlesung Ethik und Gesellschaft. Zu Gast war Prof. Weizenbaum, seines Zeichens Computerpionier und gleichzeitig schärfster Kritiker dieser (Wunder)Werke der Technik.
Technik, die uns in ein Irgendwo führen wird, dessen Ausmaße wir nicht überblicken können. Oder doch? Prof. Weizenbaum gab eine klare Antwort auf die Frage, ob wir diese Technik beherrschen:
Nein.
Mit welchen Erwartungen geht ein Student der Informationswissenschaften zu solch einem Vortrag? Ein zukünftiger Informationswissenschaftler, dessen Arbeitsfeld Informationen sind und dessen wichtigstes Werkzeug der Computer ist. Worauf will er Antworten haben? Was sucht er? Legitimation der Wichtigkeit seiner Arbeit, seines Platzes in der sogenannten Informationsgesellschaft? Schwant ihm, dass er einer gewissen Verantwortung im Umgang mit Wissen und Technik nicht gewachsen ist? Ist es die Weisheit eines alten Menschen, der maßgeblich die Entwicklung der Gegenwart mitbestimmt hat? Und ist es diese Weisheit, die ihm einzig vor Augen führen kann, was er sich nicht zu denken traut? Weil möglicherweise die eigene Zukunft in Frage gestellt wird?
Die Erwartungen an diesen Abend waren jedenfalls hoch und vielleicht genau deshalb zum Scheitern verurteilt.
Vor den überfüllten Sitzreihen saß ein Mann, der sich seiner eigenen Verantwortung bewusst war. Der weiß, was er mit angestoßen hat, der seine Verantwortung erkannt hat und gegen eine Übermacht der Technik ankämpft. Der weiß, dass er diesen Kampf nicht gewinnen wird, aber alles in seiner Macht stehende unternimmt, nicht blind dem Kommenden gegenüber zu sein. Ein Mann, der gegen den Anstieg der exponentiellen Kurve einer Gesellschaftsentwicklung redet und diesen Anstieg aufzuhalten versucht. Der durch eine Reduzierung der Komplexität der Antworten auf existenzielle Fragen darauf hofft, die Basis dieser Kurve so zu beeinflussen, dass sich der Anstieg verringert, ja vielleicht sogar umkehrt. Hier ist der Punkt, an dem sich Weisheit und der Respekt vor diesem Mann treffen. So ist auch die beinah andächtig lauschende Zuhörerschaft zu Beginn der Veranstaltung zu erklären und seine Authentizität zieht Prof. Weizenbaum zweifellos aus den Anekdoten, die er aus seinem Leben erzählt und mit denen er zu erklären versucht.
Prof. Weizenbaum referierte, reagierte bisweilen zornig auf Fragen, verlor sich manchmal in seinen Antworten. Der Mantel, mit dem sich seine Sicht auf die Dinge umhüllen lässt, ist der des [Kultur]Pessimismus. Der Himmel sei dunkel, der Lichtstreif am Horizont zwar vorhanden, aber klein. Es bestehe kaum eine Chance für die Menschheit. Der Ballon der Gegenwart sei kurz vor dem Platzen. Immer wieder diese Ankündigungen und vielleicht werden sie eintreffen. Aber wo sind die vom Auditorium erwarteten, gerade zu herbeigesehnten Antworten auf die Fragen zur morgigen Welt? Dann folgt die Erkenntnis: Die Vorstellung, vor sich einen Messias sitzen zu haben, der uns aus der Dunkelheit zu führen in der Lage ist, zerplatzt an ihrer eigenen Naivität.
Dabei können die Antworten auf die Fragen nach dem Morgen mit ein wenig Vorstellungskraft und Abstraktionsvermögen selbst gefunden werden. Man braucht sich nur die Zukunftsvisionen bekannter Kinofilme vor Augen führen, um etwas zu finden. Hier ist veranschaulicht, dass eine der möglichen Auseinandersetzungen nicht unter verschiedenen Kulturen, sondern zwischen Menschen und Maschinen stattfinden kann, dass sich hier die Unbeherrschbarkeit der Technik vollends gegen uns kehrt. Dass diese Filme und deren Visionen nur mit Hilfe von äußerst leistungsstarken Computern realisierbar wurden, ist dabei viel weniger ein Paradoxon, als es zunächst scheinen mag.
Der Charakter der Veranstaltung war schwer bestimmbar, eine Mixtur aus Gespräch und Vortrag. In beiden Fällen kam immer wieder das Gefühl hoch, enttäuscht zu sein von den Dingen, die Prof. Weizenbaum zu sagen hat. Nach einer Woche Abstand reift aber die Erkenntnis, dass die Allgemeinheit seiner Worte einen tieferen Sinn hat. Zuerst konnte man der Versuchung erliegen, vor sich einen Menschen zu sehen, dessen Zorn sich in Allgemeinplätzen abzuarbeiten scheint, dessen Ausagen man zu einfach findet, weil sie ja doch irgendwie bekannt sind. Später, nach den ersten Gesprächen, dem ersten Nachdenken mit Abstand wurde klar, dass die eigentliche Gefahr darin lauert, sich zu komplexe Fragen zu stellen. Dass es ein Fehler ist zu glauben, die Antworten auf das allgemein Gültige zu kennen.
Denn wenn man sich als Gesellschaft den allgemeinen Fragen aus arroganten Motiven heraus verweigert, kann man nur daran scheitern, wenn es darum geht, ein Ziel zu definieren, an dessen Ende es Lösungen geben soll, die ein unüberschaubares, komplexes Meer an Problemen lösen sollen. Ähnliches gilt auch für den privaten Bereich. Weil keiner mehr weiß, wo er ansetzen soll, verkümmert die Kritikfähigkeit der Gemeinschaft. Das Resultat sind Millionen kleiner Mikrokosmen, die sich nach außen hin hermetisch abriegeln und sich eine eigene Welt schaffen. Sie werden dann zwar zum wichtigsten Menschen im Universum, aber nicht in dem Sinne, wie es Prof. Weizenbaum verlangt. Es ist ja nur dies eine kleine und überschaubare Universum und zur Verantwortung fähige Menschen werden so nicht geboren. Eher ist das Resultat Egoismus und am Ende der Gleichung steht Einsamkeit, die aber als unhaltbarer Zustand abgemildert werden muss. Und wodurch ist dies besser möglich, als mit einer Flucht in die unrealen Welten des Fernsehens oder der von Computern generierten Virtualität? Und wo findet sich ein besserer Angriffspunkt für die Erzeugung künstlicher Bedürfnisse? Und liegt dann nicht genau hier eine der Ursachen für das nicht mehr übersehbare Missverhältnis zur eigenen Sprache? Im Übrigen eines der eigentlich allgemein gültigen Dinge, die Prof. Weizenbaum einforderte: Bringt Euern Kindern die eigene Sprache bei.
Aber ist es nicht doch zu einfach zu glauben, eine Welt mit weniger Einfluss von Computern auf eine Gesellschaft würde eine bessere sein?
Der Abend erweckte lange Zeit nicht den Eindruck, ein denkwürdiger Abend zu werden. Das hat sicher auch daran gelegen, dass Prof. Weizenbaum auf Fragen aus dem Auditorium teilweise unverhältnismäßig schroff reagierte. Er wirkte in diesen Momenten wie ein Mensch, der um seine Ansichten und Meinungen keinen Raum mehr zulässt. Freunde sind das Auditorium und Prof. Weizenbaum also nicht geworden, aber neue Freunde wird er auch nicht brauchen. Wichtiger sind Mitstreiter, Menschen mit Voraussicht und der Fähigkeit zum kritischen Hinterfragen. Und irgendwie, nach einer gewissen Inkubationszeit wird die Mehrheit der Zuhörer zugeben, dass dieser Abend letztendlich doch eins war: Denkwürdig.
Thomas Bunk
Letzte Änderung: 21.11.2005
