Kultur als Staatsziel? Bibliotheken im Aufwind?
Kultur als Staatsziel? Bibliotheken im Aufwind?
Kultur als Staatsziel? Bibliotheken im Aufwind?
Nach den langen Debatten um PISA scheint sich endlich auch hier die Erkenntnis durchzusetzen, dass Bibliotheken ein Baustein sein könnten, der unserer Bildungs- und Wissensgesellschaft gut tun würde. Bemerkenswert ist jedenfalls die Flut an programmatischen Publikationen zum Stellenwert von Bibliotheken in der modernen Gesellschaft unseres Landes, die in den letzten Wochen und Monaten erschienen sind.
Den Anfang machte das Strategiekonzept "Bibliothek2007", das die Bundesvereinigungen der Informationsverbände in Deutschland (BID: Bibliothek Information Deutschland) zusammen mit der Bertelsmann Stiftung Ende letzten Jahres vorgelegt hatten (Gütersloh 2004). In ihm wurde der Versuch unternommen, zu beschreiben, wie die Politik eines Landes / einer Region handeln müsse, damit im Jahre 2007 dort blühendeBibliothekslandschaften enstehen könnten. Grundtenor ist, dass es nicht ohne eine gewisse zentrale Steuerung, Initiative und vor allem nicht ohne übergrreifende FuE geht! Diese Thesen der Bertelsmann Stiftung wurden dann unlängst untermauert durch die Begleitstudie "Vorbildliche Bibliotheksarbeit in Europa, Singapur und den USA - Internationale Best-Practice-Recherche" (Gütersloh 2005), in der man mit großem Erstaunen nachlesen kann wie viel schlechter das Land von Lessing, Schiller, Herder und zum Teil ja auch von Einstein seine Bibliotheken im internationalen Vergleich behandelt. Bei der Betrachtung der Bibliothekslandschaften in Großbritannien, Finnland oder Dänemark wird deutlich wie sehr Nutzerzufriedenheit und politisch-finanzielle Unterstützung in einer Art Teufelskreis miteinander verbunden sind: hohe Nutzung von Bibliotheken ergibt sich dort, wo die Aussattung und das Angebot gut sind, und erst dann ergibt sich der erhoffte Nutzen für Gesellschaft und Bildung. Schaut man noch genauer hin, so erkennt man, das es den Ländern wirtschaftlich auch besser geht, die in ihre Bibliotheken als Bildungsinstitutionen investieren.
Diese These wird besonders deutlich in einer weiteren Neuerscheinung der letzten Zeit. Der Startband der neuen Reihe "Bibliotheken der Welt", die Dr. Rolf Busch (FU Berlin) in Zusammenarbeit mit Prof. Hans-Christoph Hobohm widmet sich Finnland und geht der Frage nach, warum PISA mit Bibliotheken zu tun haben soll. Ein paar Blicke in die schönen Bibliotheken Landes des Nordens (mit wunderbaren Photos) und eine Reihe von Augenzeugenberichten machen klar, warum es den Finnen besser geht (Bad Honnef: Bock+Herchen, 2005).
Gerade in Ostdeutschland und in Berlin ist hier offensichtlich zunehmend ein Verlust zu verspüren. So publizierte in diesen Wochen das Forum Ost der SPD zeitnah die Protokolle eines Hearings im Willy-Brandt-Haus in Berlin zum Thema "Zukunft der Bibliotheken (nicht nur) in Ostdeutschland", in dem hochkarätige Politiker wie Bundestagspräsident Thierse und Bundesminister Stolpe sich eindeutig für eine bessere Positionierung der Bibliotheken in Deutschland aussprechen (Berlin 2005). Auch der Berliner Wissenschaftssenatr Flierl tut dies in einem Dokumentationsband einer Veranstaltung zu "Berlins Öffentliche(n) Bibliotheken - Chance im Wandel", bei der eine Reihe von anderen Ländern ihre teilweise grundsätzlich anderen Ansätze von Bibliotheks- und Bildungspolitik vorstellten. Auch hier beeindrucken wieder Finnland, aber auch die Niederlande und Österreich (Berlin 2005).
Den krönenden Abschluss bildet jedoch die Tatsache, dass sich zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine Enquête Kommission des Deutschen Bundestages mit dem Thema Bibliotheken beschäftigt. Am 14. März 2005 hatte sich die Enquête Kommission Kultur in Deutschland" des Themas "Rechtliche und Strukturelle Rahmendingungen des Betriebs von Bibliotheken" angenommen. Eine Reihe von Experten der Bibliothekspraxis konnten in diesem Zusammenhang Stellung nehmend und haben sehr eindringlich auf die Notwendigkeit eines Einstellungswandels der Politik im Hinblick auf Bibliotheken hingewiesen (www.bundestag.de).
Grundtenor aller politischen Stellungnahmen ist die Forderung, die Unterhaltung von Bibliotheken in Deutschland zur Pflichtaufgabe zu machen, ähnlich wie dies bei Archiven bereits der Fall ist. Viele andere Länder - besonders die PISA Spitzenreiter - haben im Gegensatz zu Deutschland nationale Bibliotheksgesetze. Die Enquête Kommission Kultur überreichte nun am 1. Juni 2005 dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse einen Zwischenbericht, in dem sie fordert, Kultur als Staatsziel als neuen Artikel 20b in das Grundgesetz aufzunehmen mit der Formulierung: "Der Staat schützt und fördert die Kultur" (dpa-Meldung vom 31.5.2005). Als ob z.B. Bibliotheken schützenswerte Kinder wären! Wirtschaft und Management sind hier ja schon einiges weiter bei der Erkenntnis, wie wichtig Unternehmens- und Informationskultur im Betrieb für den wirtschaftlichen Erfolg sind. Sollte es bei dieser Formulierung bleiben, wird die doch recht intensive Debatte der letzten Monate wieder ausgehen wie das Hornberger Schießen.
Schade auch, dass einmal mehr Ausbildung und Forschung & Lehre in der Politikberatung zu wenig Berücksichtigung finden, obwohl sich doch gerade diese per definitionem mit der Zukunft eines Themengebietes beschäftigen. Das letzte Mal, dass die Politik in unserem Fachgebiet auf seine Experten hörte, war vor der Etablierung des IuD-Programms von 1974 mit der berühmten Studie von Werner Kunz und Horst Rittel: "Die Informationswissenschaften. Ihre Ansätze, Probleme, Methoden und ihr Ausbau in der Bundesrepublik Deutschland", München, Wien: Oldenbourg, 1972. Sie ergab einige wichtige Anstöße zum Aufbau der heute existierenden Fachinformationslandschaft in Deutschland. Der damalige Aufschwung für das Informationswesen als volkswirtschaftlichem Faktor dauerte allerdings nur eine Legislaturperiode. Wir sind gespannt, ob die heutige Situation mit der vor ca. 35 Jahren vergleichbar sein wird, in der es ebenso viele Stellungnahmen zur Dokumentation gab wie heute zu Bibliotheken.
Hans-Christoph Hobohm
Letzte Änderung: 09.11.2006




