Im Rahmen des Seminars „Überlieferung der DDR-Geschichte“ bei Prof. Dr. Susanne Freund besuchte das 6. Semester des Studiengangs Archival Studies im Sommersemester 2008 die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, das zentrale Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit der DDR.
Schon vor Erreichen der eigentlichen Gedenkstätte trafen die Studierenden auf Straßenmarkierungen und Schilder, die auf ein größeres Sperrgebiet hinweisen. Das eigentliche Gefängnis befand sich im Zentrum dieses Sperrgebietes inmitten von Ostberlin. Es war aber auf damaligen Stadtplänen nicht verzeichnet. Im öffentlichen Bewusstsein konnte es deshalb nicht präsent sein und auch die Insassen wussten oftmals nicht, wo sie sich befanden.
Zu Beginn der Führung wurden die Studierenden von dem Zeitzeugen Reinhard Fuhrmann in Empfang genommen. Seit Gründung der Gedenkstätte 1994 sind mehr als 300 Zeitzeugen als Führungskräfte in Hohenschönhausen tätig geworden. So auch Reinhard Fuhrmann, der einige Wochen hier inhaftiert war, bis er durch die BRD freigekauft wurde. Augenscheinlicher Inhaftierungsgrund war sein gescheiterter Fluchtversuch über Jugoslawien im Jahre 1972. Erst durch das Einsehen seiner Stasi-Akte Anfang der 1990er Jahre erfuhr Fuhrmann den eigentlichen Hintergrund seiner Haft. An der Universität Jena, an der er Geschichte und Philosophie studiert hatte, habe es laut Stasi-Akte angeblich eine vom „Westen gesteuerte Gruppe“ gegeben. An dieser soll auch Fuhrmann beteiligt gewesen sein, was ihm letztlich zum Verhängnis wurde.
Fuhrmann beschrieb sehr anschaulich die Verhörmethoden der Staatssicherheit, seine Haftbedingungen sowie die Gebäude- und Geländestruktur. Denn die Mittel der Isolation gewannen im Laufe der Zeit in perfider Weise an Perfektion. Nach dem Tode Stalins 1953 wurde physische mehr und mehr von psychischer Gewalt abgelöst. Die Führungen durch Zeitzeugen vermitteln den Besucher/innen einen nachhaltigen Eindruck von diesen individuellen Einzelschicksalen der Häftlinge. So zeigten sich die Studierenden ausgesprochen beeindruckt von der offenen Schilderung Reinhard Fuhrmanns über seine Haftzeit. Auch fühlten sie sich noch einmal darin bestätigt, nicht nur Fachwissen anhand von Quellen und Literatur über die DDR-Vergangenheit zu erwerben, sondern vor allem mit Zeitzeug/innen zu sprechen.
Die Gedenkstätte Hohenschönhausen hat inzwischen ein umfangreiches Archiv mit Zeitzeugeninterviews angelegt, das nun überarbeitet wird. Sabrina Bernhöft (4. Sem. Archiv) und Martina Krickel (8. Sem. Archiv) haben Anfang Juni diese Aufgabe übernommen. In Kooperation mit der Archivleitung und Prof. Dr. Susanne Freund werden sie die umfangreichen oral-history-Bestände neu ordnen und strukturieren. Denn die Bewahrung und Zugänglichkeit dieser subjektiven Erinnerungen ist eine der wichtigsten Aufgabe der Gedenkstätte. Nur so bleibt das gesprochene Wort erhalten, wenn wir die Betroffenen nicht mehr befragen können!
Christina Arndt (6. Sem. Archiv) und Prof. Dr. Susanne Freund
