Der 3. Leipziger Kongress für Information und Bibliothek
Der BID Kongress 2007
Alle drei Jahre findet der große Kongress aller Verbände der Informations- und Bibliothekswelt Deutschlands statt. In den Zwischenjahren gibt es "nur" den Bibliothekartag, der im Gegensatz zum Kongress an wechselnden Orten stattfindet. Die jährliche Konferenz der Informationswelt (früher: Dokumentare) findet mittlerweile am Rande der Frankfurter Buchmesse statt - der dreijährige Kongress aller Verbände pikanterweise am Rande der Leipziger Buchmesse. Wo doch wir information professionals gerne manchmal vom Ende der Gutenberg Galaxis 'schwärmen'.
Dieses Jahr gab es in der Woche vom 19. bis 22. März verschiedene Premieren im Leipziger Congress Center: zum ersten Mal war der Bundespräsident der Schirmherr der Veranstaltung und es gab ähnlich wie auf den Buchmessen ein Gastland als Motto: diesmal war es Dänemark, das neben Finnland und den Vereinigten Staaten von Amerika ja stets als Musterland für Bibliothekswesen - aber auch für Bibliotheks- und Informationswissenschaft gilt.
Motto, Themen, Eindrücke
Das Motto war "Information und Ethik" und dementsprechend gab es eine Reihe von Veranstaltungen zu den neuen heftigen Diskussionen zum Urheberrecht oder zu Zensurfragen. Offensichtlich im Mittelpunkt des Interesses standen aber eindeutig Themen aus dem Bereich des Web2.0 und des freien Zugangs zur Information via Open Access und Nationallizenz. Vorträge mit dieser Thematik waren stets überfüllt, wenn nicht gar "wegen Überfüllung" geschlossen. Manch einer der ca. 2700 Teilnehmer wunderte sich über die wenig kenntnisreiche Tagungsorganisation. Und immer wieder sah man die Teilnehmer der einen oder anderen Vortragssession den Konferenzraum wechseln - eine wahre Völkerwanderung.
Interessant auch für einen beinahe internationalen Kongress aus dem Informationsbereich, dass ganze drei (3!) Internet PCs für die Besucher und gar keine Internet-Verbindung für die Vorträge und Workshops zur Verfügung standen.
Wichtig und gut war allerdings in diesem Jahr vor allem auch die zahlreich bestückte Firmenausstellung in guter Reichweite zu den Vortragsräumen. So gab es hier und in den social events viele fruchtbare Begegnungen, Kontakte und Diskussionen.

- Photo: Sebastian Wilke
Von vielen mit Spannung erwartet war die programmatische Rede von Michael Seadle, dem neuen Lehrstuhlinhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls für Bibliothekswissenschaft (Humboldt Universität): er nahm die School of Information in Michigan (die Erfinder der IPL) als Vorbild und bezeichnete die Anthroplogie als Leitwissenschaft der Library Science.
Verbandspolitik und Lobbyarbeit
Wichtig ist aber auf einem solchen Verbandstreffen natürlich auch die Verbandspolitik: so wurde z.B. die Potsdamer Honorarprofessorin Dr. Gabriele Beger zur neuen Vorsitzenden des Deutschen Bibliotheksverbandes gewählt. (vgl. News) Herzlichen Glückwunsch und viel Durchhaltevermögen wünschen wir an dieser Stelle unserer Kollegin!
Das Projekt Bibliothek2007, das der Dachverband BID 2003 zusammen mit der Bertelsmann Stiftung lancierte um das deutsche Bibliothekswesen auf internationales PISA Niveau zu bringen (vgl. unser "Special"), scheint nun langsam Erfolge zu zeitigen. Allerdings keiner darf darüber reden, weil der Bundestag erst (im November) darüber debattieren muss: die Enquêtekommission Kultur gibt aber vorab indirekt die Empfehlung, die kommende Bundestagsdebatte zu unterfüttern mit öffentlicher Unterstützung seitens der Medien.
Auf dem Kongress veröffentlichen die deutschen Bibliothekare (endlich) einen “Code of ethics”, einen Berufskodex ("Ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe"), in dem sie sich explizit nicht nur auf Basiswerte unserer Demokratie (§5 GG) oder auf Kundenfreundlichkeit und Kollegialität verpflichten, sondern auch auf Fragen wie Datenschutz und Urheberrechte einigen.
Schließlich - vielleicht eher interessant für Interface Designer und usability freaks - geben sich DBV und BID ein neues Erscheinungsbild. Blau ist jetzt die Farbe und “Mercedes Benz” die Schrift (letzteres zumindest beim DBV).
Potsdam in Leipzig
Der Fachbereich war diesmal zwar nicht mit einem Stand präsent wie vor drei Jahren, dafür gab es eine Reihe anderer Highlights.
Das zweite Potsdamer Alumni-Treffen war so gut besucht, dass wir uns in der Moritzbastei weitere Tische “requirieren” mussten. (Bilder davon) Es war beeindruckend, erzählt zu bekommen, wie unsere Absolventen langsam die Karriereleiter hochklettern. In den Diskussionen am Rande wird auch deutlich warum: manche meinen, es liegt tatsächlich am Potsdamer Integrationskonzept, das schon in den ersten Semestern zwingt, auch gedanklich über den Tellerrand des jeweiligen Faches hinaus zu schauen und damit zum Reflektieren anregt.
Die aktuellen FHP-Studenten verschiedener Studienjahrgänge, die gemeinsam mit Kommilitonen der Humboldt Universität den Kongress als Exkursion besuchten, waren recht aktiv auf allen Ständen der Ausstellung und in allen Vortragssessions zu beobachten. Sie werden (wie schon im letzten Jahr) über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse berichten in einem öffentlichen Wiki bei Wikispaces.
Ganz besonders wichtig war aber eindeutig der erste große öffentliche Auftritt des Wissenschaftsportals b2i*, bei dem Potsdam maßgeblich beteiligt ist. Dieser "One-Stop-Shop" für die Bibliotheks-, Buch- und Informationswissenschaften, dessen Aufbau von der DFG gefördert wird, wurde in Leipzig zum ersten Mal mit einer Testversion vorgestellt und in einem eigenen Workshop mit der zukünftigen Zielgruppe diskutiert. Die Resonanz war durchweg positiv - es ist ja auch schon ein gutes Stück des Weges geschafft. Vielen Dank den DFG-Projekt-Mitarbeitern an allen Standorten für die bis hierhin geleistete intensive Arbeit!
* sprich "bi-tu-ei" wie "B2B" - vgl. auch das Diskussionsforum zum Projekt http://b2i.fh-potsdam.de, vgl. Fb5 Forschungsprojekte

- Workshop von b2i auf dem BID Kongress in Leipzig am 19.3.2007 (Photo: Maxi Kindling)
23. März 2007, Hans-Christoph Hobohm
Letzte Änderung: 31.05.2007
